IfS 2009
IfS 2009 (MB)
Projektarbeiten | Die Macht der Stockfotografie |
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Ein Seminarbeitrag von Raphael Lavoie-Brand
1. Einleitung 2.1. Definition 3. Die Macht der (Bild-)Sprache 3.1. Die Neusprech-Fiktion: Eine künstliche und ideologisch motivierte Sprache 4. Die Suche nach Freiräumen in der „Bildsprachdiktatur“ 4.1. Arbeit und Überwachung 1. Einleitung Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ist von einem radikalen Bedeutungszuwachs des Visuellen in Gesellschaft und Wissenschaft gekennzeichnet, der pictoral bzw. iconic turn genannt wird (Mitchell 1997). Zuvor waren mit dem linguistic turn Sprache, Diskurs, Semiotic usw. in das Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Bilder wurden als reine Abbilder verstanden und als „Text“ diskurstheoretisch analysiert. Mit dem pictural turn kommen die Humanwissenschaften zur „Erkenntnis, dass die Formen des Betrachtens (das Sehen, der Blick, der flüchtige Blick, die Praktiken der Beobachtung, Überwachung und visuelle Lust) ebenso tiefgreifende Probleme wie die verschiedenen Formen der Lektüre (Entziffern, Dekodieren, Interpretieren etc.) darstellen“ (Mitchell 1997:19). Ohne zu weit in die Materie einsteigen zu wollen, ist es wichtig festzuhalten, dass Theoretiker damit den „Bedarf nach einer globalen Kritik der visuellen Kultur“ (ibid.) verbinden. Diese Programmatik, Bilder neu denken zu müssen, stellt die Grundlage der hier bearbeiteten Fragestellung dar. Welche Macht haben Bilder heute? Der Beitrag versucht auf diese zunächst allgemein formulierte Frage mit dem Beispiel der Stockfotografie zu antworten. Die explorativ untersuchte Dimension der Macht ist ideeller Natur. Es handelt sich also nicht um die Fragen, wie umfangreich die Verwendung von Stockbildern ist oder welche ökonomische Macht die Stock-Bildagenturen haben. Vielmehr wurde in Analogie mit dem fiktiven Konzept des Neusprechs von Georges Orwell in seinem Roman 1984 eine Hypothese entwickelt, welche die Bildsprache anstatt der Schriftsprache beziehungsweise der gesprochenen Sprache als Gegenstand hat. Demzufolge wird anhand der Repräsentation der Konzepte „Arbeit“ und „Reichtum“ überprüft, ob die Stockfotografie Macht ausübt, indem sie ideelle Denkhorizonte ausblendet. Unmittelbar damit verbunden ist auch die Frage nach den Freiräumen in der Stockfotografie: Wird der Eigensinn des Fotografen komplett ausgeschaltet? Gibt es noch Spielräume in denen „subversive“ Bilder verbreitet werden können? Welche Schlussfolgerungen können aus der Analyse der Stockfotografie-Industrie in Bezug auf diese Spielräume gezogen werden? 2.1. Definition Die Stockfotografie oder Vorratsfotographie stellt eine oft bevorzugte Alternative zu den teueren und zeitaufwändigen Fotoshootings dar. Die Bilder werden produziert, ohne dass der Verwendungszweck vordefiniert ist und sollen mehrmals verkauft werden können. Stockfotos werden in allen Medien verwendet – Zeitungen, Zeitschriften, Werbung, Internet, Fernsehen usw. Die Stockfotografie wird deshalb als „visueller Notvorrat im Zeitalter der Massenmedien“ bezeichnet (Ullrich 2008:1). 2.2. Die Industrie der Stockfotografie 2.2.1. Historische Entwicklung Die Stockfotografie ist Ende des 19. Jahrhunderts entstanden, als die Erfindung des Druckrasters durch den Münchner Georg Meisenbach 1881 erstmals ermöglichte, Fotografien durch ein Druckverfahren zu reproduzieren. Die ersten Bildagenturen haben sich Anfang des 20. Jahrhunderts etabliert und Bilder zu nachgefragten Themen wie Babys, Tiere und Menschen in verschiedenen Kontexten angeboten. Die Nachfrage kam hauptsächlich von Zeitschriften, wobei sich der Markt mit der Verbreitung des Fernsehens nach dem Zweiten Weltkrieg sehr stark vergrößert hat und viele Bildagenturen ab Mitte der 1950er Jahre gegründet worden sind. Als in den 1970er Jahren die Werbeagenturen ins Visier der Bildagenturen genommen und erstmals weltweite Lizenzen verkauft worden sind, hat sich die Stockfotografie in hohem Maße professionalisiert und kommerzialisiert (Heron 2000:14). Diese Tendenz verstärkte sich in den 1990er Jahren, als der letzte und vielleicht größte Einschnitt in der Geschichte der Stockfotografie stattgefunden hat. Diese letzte Phase ist von Digitalisierung, Konzentrationsprozessen und Markterweiterung gekennzeichnet. 1) Die Digitalisierung der Bilder in Verbindung mit dem Internet hat zur Herausbildung globaler Bildagenturen geführt, deren Bilder weltweit zugänglich sind. Heute laufen fast alle Geschäfte über das Internet. 2) Es sind „Mega-Bildagenturen“ entstanden – Corbis (1989) von Bill Gates und Getty Images (1995) von Mark Getty –, die zahlreiche kleinere Agenturen aufgekauft und den Wettbewerb dadurch erheblich geschärft haben (Ullrich 2008:2). 3) Der Markt der Stockfotografie erweitert sich immer weiter. Einerseits durch den leichten Zugang zu digitalen Bildern, andererseits durch die so genannten „Mikrostock-Agenturen“, die Stockbilder zu erschwinglichen Preisen – ab unter einem Euro – anbieten (Kneschke 2009a). Angesichts dieser Entwicklungen ist festzuhalten, dass in Zeiten des pictural turn die Stockfotografie nicht nur an Bedeutung gewonnen hat, sondern zu einer Grundkomponente der Mediengesellschaft geworden ist. 2.2.2. Die Stock-Bildagenturen Die Industrie der Stockfotographie unterteilt sich in zwei Bereiche: die Mikrostock-Agenturen und die traditionellen Stock- bzw. Makrostock-Agenturen. Die Mikrostock-Agenturen verkaufen Bilder geringerer Qualität – teilweise auch von Amateurfotografen – zum geringeren Preis. Der Mikrostock-Markt wird von sechs Bildagenturen dominiert und ist von starken Konzentrationstendenzen geprägt. Die Größte Bildagentur ist Shutterstock, dann folgen istockphoto (die 2007 von Getty Images für 50 Millionen US-Dollar aufgekauft wurde), Fotolia, Dreamstime, StockXpert (Getty Images) und 123RoyaltyFree. Die Marktführer der Makrostock-Fotographie sind dagegen Getty Images und Corbis (Kneschke 2008a). Das Ausmaß dieser Global Player wird etwa daran deutlich, dass Anfang 2009 Getty Images die drittgrößte Makrostock-Agentur Jupiter Images für 96 Millionen US-Dollar aufgekauft hat (Getty Images 2009a). Die Unterschiede zwischen Mikro- und Makrostock-Agenturen liegen nicht nur in Qualität und Preis. Die Makrostock-Agenturen haben u. a. eine engere Kundenbetreuung, können den Kunden über die Verwendungsgeschichte einzelner Bilder informieren und können es sich leisten auch „Nischenmärkte“ zu versorgen (Kneschke 2009a). Stockbilder können entweder lizenzfrei oder lizenzpflichtig bzw. in der Fachsprache jeweils royalty free oder rights-managed sein. Lizenzfreie Bilder werden nur einmal bezahlt und können uneingeschränkt zu jedem Zweck genutzt, wobei sie uneingeschränkt verkauft werden. Wer z.B. für eine Werbekampagne die Exklusivität der Bildnutzung sicherstellen will, kann dann für erheblich höhere Summen lizenzpflichtige Bilder erwerben. Die Exklusivität hat je nach Bildagentur verschiedene Stufen und kann befristet sein oder sich auf eine Wirtschaftsbranche begrenzen, damit direkte Konkurrenten von der Bildnutzung ausgeschlossen werden (Heron 2007:3). Lizenzfreie Bilder werden jedoch am Meisten verkauft. Es ist ein Trend erkennbar, dass dieser Bildmarkt immer mehr von den Mikrostock-Agenturen dominiert wird, da diese fast nur solche Lizenzen im Angebot haben und diese preiswerter sind. Die Makrostock-Agenturen entwickeln sich dadurch allmählich zu exklusiven Bildagenturen für eine Käuferschicht, die über entsprechende Mittel verfügt (Schmidt 2009). 2.2.3. Die Stockfotografen Bei allen Makrostock- und den meisten Mikrostock-Agenturen müssen sich die Stockfotografen bewerben, um Bilder einreichen bzw. hochladen zu dürfen. Damit die Bildmassen nicht außer Kontrolle geraten, findet eine Selektion durch die Bildagenturen statt. Auch die Bildanzahl, die ein Fotograf pro Woche oder Monat hochladen kann (upload-limit) wird begrenzt. Nur wenige „exklusive“ Fotografen, die mit den Agenturen zusammenarbeiten, haben keine Begrenzung (Heron 2007:2f). Im Normalfall steht dem Fotografen eine Reihe von „Anreizstufen“ gegenüber und kann nach unterschiedlichen Bestimmungen aufsteigen. Je höher der Rang, desto höher die Beteiligung am Erlös der Bilder und/oder das upload limit. Das Anreiz-System unterscheidet sich je nach Bildagentur. Beispielsweise bekommt ein Fotograf bei Shutterstock zunächst 0,25 US-Dollar pro Bild, bis er 500 US-Dollar Umsatz erreicht hat. Danach bekommt er 0,33 US-Dollar pro verkauftem Bild, bis er 3000 US-Dollar verdient hat usw. (Kneschke 2009b). Die Lage der professionellen Fotografen entwickelt sich dahingehend, dass es insbesondere im Mikrostock-Bereich immer schwieriger wird, von der Stockfotografie zu leben. Durch die Digitalisierung und den leichten Zugang zu den Bildagenturen steigt die Anzahl der Amateurfotografen und die Bildüberflutung ist noch stärker als bei den Makrostock-Agenturen (Torrens 2008). Einige Erfolgsgeschichten von Millionär gewordenen Mikrostockfotografen (Roeper 2009), als die Branche noch nicht „gesättigt“ war, haben eine Euphorie ausgelöst, die alleine durch die Zahl an Publikationen wie „Mit eigenen Fotos Geld verdienen“ von Lee Frost (2005) oder „Geld verdienen mit Ihren Digitalbildern“ von Bernd Klumpp (2005) deutlich wird. Die Situation der Fotografen im Mikrostock-Bereich darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch in der Zusammenarbeit mit den Makrostock-Agenturen Schwierigkeiten bestehen. Im Zuge der Finanzkrise haben viele Bildagenturen ihre Fotografenanzahl begrenzt oder die Arbeitsbedingungen verschlechterten sich. Beispielsweise hat Corbis im Herbst 2008 die Beteiligung der Fotografen am Erlös ihrer lizenzpflichtigen Bilder von 50 auf 40 Prozent reduziert (Lang 2008) und ist von Jupiter Images und Mauritius – die größte deutsche Makrostock-Agentur – gefolgt worden (Kneschke 2008b). 2.3. Die Stockbilder In einem kritischen Aufsatz über Stockbilder analysiert der Kunsthistoriker Ullrich (2008) die Ästhetik und Rhetorik der Stockfotografie und kommt zu folgendem Schluss: „In der bestenmöglichen Welt von Gates und Getty gäbe es ein ultimatives Bild, dass sich unendlich oft verkaufen ließe, weil in ihm zwei Eigenschaften perfektioniert wären: Es würde überall – weltweit und zu jedem Thema – passen, und es würde augenblicklich wieder vergessen“ (Ullrich 2008:10). Damit fasst er die Eigenschaften zusammen, die er den Stockbildern zuschreibt: Kontextoffenheit, Zeit- und Ortslosigkeit, hoher Abstraktionsgrad und Beschränkung auf Bildklischees. Diese Sichtweise trifft für eine allgemeine Annäherung an das Thema der Stockfotografie zu, jedoch müssen bei näherer Betrachtung mindestens drei Relativierungen vorgenommen werden. Erstens beschränkt sich die Stockfotografie nicht nur auf Bildklischees. Der Stockfotograf und Autor Michael Heron schrieb schon 2001: „Until recently successfull stock was characterized as being ‘generic’ in style. This meant showing idealized models and situations, and avoiding the specific, sometime homely details that make people individual and real. [...] In reaction against slick production photos, there has been a move toward establishing credibility with the viewer by giving a down-to-earth feeling, more authentic and humanized photos.” (Heron 2001:7f). Demzufolge werden nicht nur verfestigte und idealisierte Bildklischees reproduziert. Für diese Entwicklung ist auch kennzeichnend, dass sich bestimmte Makrostock-Agenturen wie Sodapix und Apply Pictures auf außergewöhnliche Bildsprachen spezialisiert haben. Bild 1: Außergewöhnliche Bildsprachen bei Makrostock-Agenturen
Die zweite Relativierung bezieht sich auf die Kontextlosigkeit von Stockbildern. Ganz kontextlos sind sie nicht, da sie bestimmten Trends folgen, die auch von den Stock-Bildagenturen selbst definiert werden. Getty Images veröffentlicht in regelmäßigen Abständen den Trendbericht MAP Report, der für 750 US-Dollar heruntergeladen werden kann und von einem Creative Research Team verfasst wird, ohne dass die Forschungsmethoden transparent gemacht werden. Beispielsweise ist der letzte Bericht mit der Überschrift Aspirational Environmentalism betitelt und handelt von dem neuen grünen Marketing. Im abstract werden u. a. Bilder von Zeitschriften und die Werbung von bekannten Umwelt-NGOs wie Greenpeace (s. Bild 2) analysiert und daraus die neuen „grünen Mythen“ erläutert (Schwere 2008). Damit machen sich Bildagenturen zu Akteuren, die Einfluss auf die Trendentwicklung nehmen. Diese Trends können als Kontext der Stockfotografie gesehen werden. Selbstverständlich bleiben die Stockbilder weiterhin ortlos und lassen keine eindeutige Interpretation der illustrierten Situation zu. Jedoch lassen sie sich auf die Metaebene der Fotografie klar im Kontext von Trends einordnen. Bild 2: Greenpeace-Kampagne in Gettys Trendbericht
Quelle: In: Schwere 2008 Drittens ist letztlich zu berücksichtigen, dass – auch wenn die Stockbilder theoretisch zeitlos sein sollen – „die Lebenszeit von Fotos bei traditionellen Stock-Agenturen durchschnittlich bei fünf Jahren liegt, während sie der Microstock-Experte Yuri Arcurs bei Microstock-Bildagenturen auf zwei Jahre schätzt“ (Kneschke 2009c). Die Bildeigenschaft der Zeitlosigkeit kann deshalb nur daran festgemacht werden, dass die Bilder keine zeitlichen Anhaltspunkte bieten und deshalb nicht datierbar sind. In der Praxis werden aber bei Mikrostock-Agenturen etwa 100 000 Bilder pro Woche erneuert (Torrens 2008). 3. Die Macht der (Bild-)Sprache Nach diesem Überblick über die Stockfotografie kann die zentrale Fragestellung des Beitrags wieder aufgegriffen werden. Welche Macht hat die Stockfotografie? Wie eingangs angekündigt, wurde die Hypothese, dass die Stockfotografie ideelle Horizonte ausblendet und damit herrschende Denkstrukturen verfestigt, anhand der Analogie mit dem Neusprech von Georges Orwell in seinem Roman 1984 entwickelt. In diesem Abschnitt wird zuerst das Neusprech definiert und dann die Hypothese anhand der Konzepte „Arbeit und „Reichtum“ überprüft. 3.1. Die Neusprech-Fiktion: Eine künstliche und ideologisch motivierte Sprache Der 1949 veröffentlichte Erfolgsroman 1984 von Georges Orwell handelt von einem totalitären Überwachungsstaat, der die vollständige Unterwerfung der Bürger bis in ihren intimsten Gedanken anstrebt. Damit die „Gedankenverbrechen“, d.h. Gedanken, die mit der Ideologie der Einheitspartei nicht übereinstimmen, an der Quelle verhindert werden, wird eine künstlich modifizierte Sprache erfunden, in der der Wortschatz und die Sprachstrukturen stark vereinfacht werden und in welcher zahlreiche Worte und Konzepte wie z.B. „Freiheit“ ausgelöscht werden. Die Denkstruktur der Bevölkerung soll somit zugunsten des Nichthinterfragens der totalitären Herrschaft neu organisiert werden mit dem Ziel, dass die Gedankenverbrechen am Ende nicht einmal gedacht werden können. 3.2. Die Bildsprache der Stockfotografie Auf der Idee der Ausblendung von Denkkonzepten fußt die Arbeitshypothese dieses Beitrags. Ohne den Anspruch zu erheben, die Macht der Stockfotografie in ihrer Gesamtheit zu operationalisieren und zu erfassen, wird hier nach dieser ideellen Machtform gefragt: Zeichnet sich die Stockfotografie durch eine vereinfachte Bildsprache aus, die dem Hinterfragen der herrschenden Konzepte jeglichen Ausdruck verbietet? Die visuelle Repräsentation der Konzepte „Arbeit“ und „Reichtum“ eignet sich gut für eine vorläufige, vorsichtige Beantwortung der Frage. In der herrschenden Auffassung umfasst die Arbeit ausschließlich die Erwerbsarbeit und Reichtum wird auf seine monetäre Dimension reduziert. Um die Repräsentation von Arbeit und Reichtum in der Stockfotografie zu untersuchen wurden jeweils die 30 ersten Bild-Suchergebnisse der bedeutendsten Makrostock-Agentur Getty Images und der zwei größten Mikrostock-Agenturen Shutterstock und istockphoto im Zeitraum vom 16.-17.07.2009 ausgewertet. 3.2.1. Repräsentation von Arbeit Das Arbeitskonzept, das durch die Stockfotografie vermittelt wird, ist uneingeschränkt der Erwerbsarbeit zuzuordnen. Alle Bilder die eine menschliche Tätigkeit darstellen (das sind 95,5 Prozent der 90 ausgewerteten Bilder), haben einen direkten Bezug auf diese Form der Arbeit. Weiterhin stellen 74,4 Prozent der ausgewerteten Stockbilder Tätigkeiten im Bereich Dienstleistung und Business dar. Die dominanten Farben sind blau, grau und weiß, die Models tragen Anzüge und in fast allen Fällen wird mit einem Laptop gearbeitet. Diese Art Bilder werden in Stockfotografie-Blogs unter die Klischees gezählt (Archer 2006/Cass 2008). Neben dieser sauberen Dienstleistungs- und Businesswelt stellen alle anderen Bilder handwerkliche Tätigkeiten dar, wobei am häufigsten Baustellen vorkommen. Die Übergänge sind dabei fließend: Auf einigen Bildern sind Businessleute mit Bauhelmen zu sehen. Darüber hinaus wurde festgestellt, dass auf 54,5 Prozent der ausgewerteten Bilder ausschließlich weiße Personen dargestellt werden. Neben der Ethnizität sind auch die Geschlechter ungleich verteilt. Am Stärksten ist es bei Getty Images der Fall, wo auf 60 Prozent der Bilder nur Männer vorhanden sind. Bei Shutterstock und istockphoto sind mehr Bilder mit Männer und Frauen. Jedoch ist grundsätzlich bei den drei Bildagenturen erkennbar, dass bei den eingeschlechtlichen Bildern männliche Personen doppelt so oft vorkommen wie weibliche. Der Arbeitstereotyp des weißen Geschäftsmannes ist in der Stockfotografie deshalb nicht zu übersehen und abweichungen von der Idee der Erwerbsarbeit sind nicht vorhanden. Bild 3: Typische Darstellung der Arbeit im Bereich Dienstleistung/Business
Quelle: Getty Images, Bildnummer 88741048
Quelle: Getty Images, Bildnummer 85119267
Das herrschende Konzept des Reichtums ist auf eine monetäre Dimension reduziert und dies spiegelt sich in genau so starkem Maße in der Stockfotografie als es bei dem Konzept der Arbeit der Fall ist. Insgesamt 96,7 Prozent der ausgewerteten Bilder haben einen offensichtlichen Geldbezug, wobei die abweichenden Bilder nur bei der Makrostock-Agentur Getty Images vorhanden waren. Am häufigsten (41,1 Prozent) wurden Geldscheine, Münzen oder Gold dargestellt, ansonsten wird der Geldbezug über gewöhnliche Symbole wie Schlüssel, luxuriöser Besitz, Schatztruhe, Sparschwein, Schmuck, wachsende Börsenkurse oder „Geld-Pflanzen“ usw. hergestellt. Nur drei Bilder unter den ersten 30 Suchergebnissen von Getty Images waren nicht der monetären Dimension zuzuordnen: ein Businessmann mit Laptop in einem nicht erkennbaren Betonbau, das Portrait eines Mannes und eine Katze. Diese Bilder hinterfragen nicht das herrschende Reichtumskonzept und bieten weder Alternativen noch Weiterdenken an. Bild 5: Typische Darstellung von Reichtum
Quelle: istockphoto, Bildnummer: 5894846 3.3. Zwischenfazit Zeichnet sich die Stockfotografie in Analogie zu Orwells Neusprech durch eine vereinfachte Bildsprache aus, die dem Hinterfragen herrschender Konzepte jeglichen Ausdruck verbietet? Das angewendete Forschungsdesign und die dadurch ausgewerteten Bilder führen zum Schluss, dass diese als Frage formulierte Hypothese anhand der Konzepte Arbeit und Reichtum zumindest vorläufig verifiziert ist. Die Stockfotografie reduziert die Arbeit auf eine Erwerbstätigkeit, deren Formen vereinfacht sind: Die Berufsgruppen beschränken sich auf Geschäftsleute, Büroangestellte, Ingenieure und Bauangestellte. Ein Hinterfragen oder Abweichungen wurden nicht erkennbar. Weiterhin wird Reichtum monetär verstanden und mit einer vereinfachten „Sparschein-Symbolik“ repräsentiert. Verallgemeinert würden die Ergebnisse bedeuten, dass die Stockfotografie eine ideelle Macht dahingehend ausübt, dass sie wie Scheuklappen wirkt und dadurch die herrschenden Vorstellungen verfestigt. Überspitzt formuliert würde man dann von der Annahme einer „Bildsprachdiktatur“ der Stockfotografie ausgehen. Eine Verallgemeinerung kann jedoch nicht auf der Grundlage von 180 Bildern gemacht werden. Deshalb wurde explorativ nach Gegenbeispielen gesucht. Die Ergebnisse zeigen, dass beschränkte Freiräume in der Stockfotografie vorzufinden sind, wie im folgenden Abschnitt erläutert wird. 4. Die Suche nach Freiräumen in der „Bildsprachdiktatur“ Sind Freiräume für das Hinterfragen herrschender Konzepte in derie Stockfotografie vorhanden? Die explorative Suche nach abweichenden Bildern, die Arbeit und Reichtum nicht stereotypisch darstellen, hat bei Getty Images zu nüchternen Ergebnissen geführt. 4.1. Arbeit und Überwachung Mit dem Suchbegriff „Arbeit“ wurden einzelne Bilder von Videoüberwachungen gefunden. Bild 6 zeigt eine Büroangestellte, die von fünf Kameras überwacht wird. Der Rahmen ist zwar immer noch die Erwerbsarbeit im Bereich Dienstleistung, jedoch ist das Bild kein „positives sensorisches Ereignis“ (Ullrich 2008:9), wie es generell bei Stockfotografie der Fall ist. Die Bedingungen der Erwerbsarbeit und die hierarchischen Strukturen der Überwachung unterliegen kommen deutlich zum Ausdruck. Dasselbe gilt für Bild 7, wo ein Geschäftsmann von drei Überwachungskameras umzingelt ist. Beide Bilder weichen von der Norm ab und hinterfragen die Arbeitsbedingungen. Sie können nicht in jedem erdenklichen Kontext genutzt werden, obwohl sie zeit- und ortlos sind. Bild 6: Überwachung am Arbeitsplatz
Quelle: Getty Images, Bildnummer 76038318
Quelle: Getty Images, Bildnummer 200133885-002 4.2. Reichtum und seine Kehrseite Mit dem Suchbegriff „Reichtum“ wurden bei Getty Images keine Bilder gefunden, die das herrschende Reichtumskonzept offensichtlich hinterfragen. Es gibt auch wenige Bilder, die nicht offensichtlich ein „positives sensorisches Ereignis“ (Ullrich 2008:9) darstellen. Ein Beispiel wäre hier Bild 8, das eine schwarze Ölpfütze in Form eines US-Dollars, die aus einigen Bündeln Banknoten ausfließt, darstellt. Im Bilduntertitel in der Datenbank von Getty Images steht explizit welche Bedeutung das Bild haben soll: „to represent toxic assets“. Diese Angabe ist zeit- und ortlos, jedoch beinhaltet sie die Kehrseite des monetären Reichtums, wenn die Börsenaktien nicht mehr verwertbar sind, weil sie zu stark an Wert verloren haben und keine Käufer mehr finden. Alternativen zum monetären Reichtum werden allerdings nicht in Aussicht gestellt, d.h. das herrschende Konzept wird nicht von außen hinterfragt. Desgleichen entspricht die Ästhetik des Bildes völlig dem Kanon der Stockfotografie. Bild 8: Die Kehrseite des monetären Reichtums?
Quelle: Getty Images, Bildnummer 88696133 4.3. Fazit Es wird deutlich, dass die Annahme der ideellen Macht der Stockfotografie durch das Nichthinterfragen und Ausblenden von Alternativen, nicht im vollen Maße zutrifft. Die oben dargestellten Beispiele zeigen, dass die Stockfotografie auch Bilder beinhaltet, die mit „subversiven Botschaften„ verknüpft werden können. Die Freiräume sind jedoch sehr begrenzt: die Ästhetik weicht nicht von den Stockfotografie-Normen ab, und die Erwerbsarbeit sowie das monetäre Reichtum werden nicht als solches hinterfragt. Die Beispiele von Abweichung und Hinterfragen bewegen sich immer noch innerhalb des Rahmens der herrschenden Ästhetik und „Paradigmen“ der Erwerbsarbeit und des monetären Reichtums. Darüber hinaus wurden die Beispiele von Abweichungen nur bei der Makrostock-Agentur Getty Images gefunden. Mikrostock-Agenturen sind in noch stärkerem Maße von Vereinfachung und Vereinheitlichung betroffen. Der Mikrostockfotograf Robert Kneschke bestätigte in einem Interview, dass die Mikrostock-Agenturen viel mehr von Stereotypisierungen betroffen sind, da die Preise gering gehalten werden und das Angebot nicht auf exklusive (lizenzpflichtige) Bilder ausgerichtet ist. Selbst hat er mit ausgefallenen Bildern in den großen Mikrostockagenturen keine guten Erfahrungen gemacht. Entweder wurden sie nicht akzeptiert oder nicht gekauft. Dies verdeutlichte er am Beispiel eines Transvestitenbildes (Bild 9), das angenommen wurde, aber keine Käufer findet. Wie die oben angeführten, ausgefallenen Bilder, folgt das Bild den ästhetischen Maßstäben der Stockfotografie, die Thematik ist jedoch nicht marktfähig. Bild 9:
Quelle: Bildmaschine, Bildnummer 826791 Bilder, die die Norm in Frage stellen, werden spätestens von der Nachfrage oder schon vorher von den Bildagenturen, die die Nachfrage einzuschätzen vermögen, ausgeblendet. Diese Feststellung wirft viele Fragen auf, die im Rahmen dieses Beitrags nicht bearbeitet werden konnten. Welche Gründe gibt es für die ideelle Macht der Stockfotografie? Welche Akteurskonstellation definiert die herrschenden Diskurse und Konzepte, die in der Stockfotografie zum Ausdruck kommen? Inwiefern wirken die Stockfotografie und insbesondere die Mega-Bildagenturen Getty Images und Corbis in diesem Definitions- und Selektionsprozess mit? Wie weit lässt sich die Analogie mit dem Neusprech von Georges Orwell in seinem Roman 1984 führen? Ullrich (2008) scheut sich nicht vor dem direkten Vergleich mit dem „Sozialistischen Realismus“. Es stellt sich abschließend die Frage nach der Mündigkeit der Bürger, denn die Bildagenturen „adressieren ihre Fotos nicht an das Bewusstsein möglicher Betrachter, sondern denken allein an ihre Gewinne“ (Ullrich 2008:10). Quellenverzeichnis
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