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Eine Projektarbeit von Jan-Philip Hachmeister (Kapitel 1), Michael Heina (Kapitel 2) und Billie Laura Finkel (Kapitel 3)
1.1 Bewerbungshomepage Services
1.2 Workshops der Bundesagentur für Arbeit
1.3 Ratgeber zum Thema: Bewerbungshomepage
1.4 Direkte vs. indirekte Bewerbungshomepage
1.5 Allgemeine Kriterien für Bewerbungshomepages
1.6 Exemplarische Eindrücke von Bewerbungshomepages
2.1 Fragebogen
2.2 Ergebnisse/Auswertung
2.3 Zusammenfassung der Ergebnisse
3.1 Vorbemerkung
3.2 Von der Homepage zur Plattform
3.3 Vernetzung: Blogs und Online-Communities im Web 2
3.4 Die Internetplattformen
3.5 Cybersex
3.6 Cyberbetteln
3.7 Neue „Berufe“
3.8 Wandel
3.9 Fazit
3.10 Literatur
3.11 Anmerkungen
1.1 Bewerbungshomepage Services
Auf zahlreichen Webseiten bieten Bewerbungshomepage-Services dem Internetuser im Hinblick auf die Erstellung einer eigenen Bewerbungswebseite ihre kommerziellen Dienstleistungen an. Die Dienstleister bewerben ihre Angebote üblicherweise wie folgt:
"Machen Sie sich das Schreiben Ihrer Bewerbung einfacher und beeindrucken Sie Ihren zukünftigen Arbeitgeber durch Kreativität und wirtschaftliches Denken..[…] Ihr Arbeitgeber kann sich gleich online Ihre Bewerbung anschauen und muss Ihre Bewerbung nicht auf einen riesigen Stapel eingegangener Bewerbungen legen." (Bewerbungshomepage.org)
Weitere Beispiele hierfür finden sich auf:
Die Kosten für solche Dienstleistungen für den Interessenten unterscheiden sich je nach Anbieter und gewünschter Umsetzungsform und Umfang der eigenen Dokumente. Durchschnittlich wird jedoch mit einem relativ hohen Preisniveau gearbeitet. In diesem Zusammenhang ist notwendigerweise hervorzuheben, dass ‚professionelle’ Bewerbungshomepage-Anbieter auch immer wieder darauf hinweisen, dass das Arbeitsamt die Kosten für die Homepageerstellung durch den Dienstleister ersetzt.
1.2 Workshops der Bundesagentur für Arbeit
Auch die Bundesagentur für Arbeit nimmt sich des Themas 'Bewerbungshomepages' an. In einer Presseinfo macht sie Interessenten auf Workshops zur Erstellung von Online-Bewerbungen und Bewerbungshomepages aufmerksam. Die Bundesagentur für Arbeit schreibt:
"Internetbewerbungen liegen im Trend – bei Personalchefs und Jobsuchenden gleichermaßen. Unternehmen nutzen zur Effektivierung ihrer Personalauswahl zunehmend Online-Formulare. Wie kann ich als Suchender dafür sorgen, dass meine Bewerbung aus der Masse der Online-Eingänge heraus sticht? Wer virtuell eine bessere Figur machen will, setzt derzeit auf eine Bewerbungshomepage. Doch welche Trümpfe hält man mit diesem Feature wirklich in der Hand und was macht eine perfekte Online-Visitenkarte aus?" (Arbeitsagentur)
In ihrer Presseinfo fragt die Bundesagentur danach, was eine perfekte Online-Visitenkarte ausmacht, und gibt in den dazugehörigen Seminaren hoffentlich auch die Antworten.
1.3 Ratgeber zum Thema: Bewerbungshomepage
Als kostengünstige Alternative zu ‚professionellen’ Bewerbungshomepage-Services und Workshops (zum Beispiel beim Arbeitsamt) finden sich auch im Netz zahlreiche Ratgeber zum Thema, die dem User die ‚Basics’ näher bringen können. Sie sehen in der Bewerbungshomepage lediglich einen Zusatz zur schriftlichen, Email- oder Onlineformularbewerbung, jedoch keinesfalls einen Ersatz für die herkömmliche Bewerbung, denn wie die Seite Berufsstart.de konstatiert:
"Die Online-Bewerbung - Wissenswertes zur Bewerbungshomepage (BHP)
- Keine eigene Form der Online-Bewerbung
- Als Ergänzung zu allen Bewerbungsformen zu betrachten
- Welchen Mehrwert bietet die Bewerbungshomepage?
- Für Hochschulabsolventen nur bedingt geeignet
- Wenn HP-Baukasten verwendet wird, begrenzter Gestaltungsfreiraum
- Eher für Berufstätige, die Berufswechsel anstreben
- Arbeitsproben lassen sich gut hinterlegen!
- Datensicherheit? Wer kann auf diese vertraulichen Informationen zugreifen?
- Hinweis: Zusätzlicher Arbeitsaufwand für den Personalverantwortlichen!" (Careercenter Uni Bremen)
Als Ansprechpartner für eine jüngere Zielgruppe, die sich jedoch bekanntermaßen immer früher mit dem Medium Internet beschäftigt, sieht sich der Kreisjugendring Elbe-Elster. Auf ihrer Homepage stellen sie unmissverständlich fest:
"Die Bewerbungshomepage hat viele Nachteile. Sie gehen davon aus, dass ein Unternehmen sich die Mühe macht, Sie zu suchen. Dies machen jedoch die Wenigsten. Sie stellen Ihre persönlichen Daten ins Internet. Wollen Sie wirklich, dass alle auf Lebenslauf usw. Zugriff haben? Alternativ können Sie eine anonyme Homepage erstellen. Jedoch wird niemand darauf aufmerksam werden, denn alles was Sie qualifiziert und interessant macht, können Unternehmen erst einmal nicht in Erfahrung bringen. Für Unternehmen ist es mühsam, sich irgendwo im Internet per Passwort einzuloggen und dann nach immer wieder anders strukturierten Daten zu suchen. Eine anspruchs- und niveauvolle Bewerbungshomepage macht vor allem Sinn, wenn sich bei Agenturen und in der Multimediabranche bewerben möchten. Günstig ist hier ein Verweis auf Ihre Homepage in Ihrer Online-Bewerbung." (Kreisjugendring Elbe-Elster)
1.4 Direkte vs indirekte Bewerbungshomepage
Nach der Sichtung von etwa 100 Bewerbungshomepages kann man diese Statements durchaus so stehen lassen. Denn eine zwei Jahre alte Homepage, die vielleicht auch ziemlich allgemein gehalten ist in Bezug auf das angestrebte Berufsfeld, ist womöglich eher als schädlich gegenüber der eigenen Reputation einzuschätzen, denn in irgendeinerweise der Karriere förderlich. Für einen Bewerber aus dem ‚medienaffinen’ Bereich (Web-, Grafikdesigner, (freischaffender) Künstler, Fotograf, Filmer) nimmt die Homepage eine besondere Position als Referenz der eigenen Fähigkeiten ein. Hier scheint eine Unterscheidung in zwei verschiedene Typen der internetbasierten Darstellung der eigenen Arbeitskraft nötig.
Bewerbungshomepagebetreiber, die sich für ein bestimmtes Berufsfeld im Stile einer schriftlichen Bewerbung empfehlen, nutzen eine ‚direkte Bewerbungsform’. Die Bewerbungshomepage ist im Prinzip die traditionelle Bewerbung in verlinkter Form und mit bemühtem Designvorzügen. Passende Beispiele hierfür sind die Homepages:
Die Homepage http://www.dr-rickert.de, sowie http://www.markusbinder.com sind als klassische Beispiele einer digitalisierten Schriftbewerbung zu sehen, wobei erstere noch durch Texturhintergründe optische Akzente zu setzen weiß, während zweitere sehr kühl gehalten ist. Man erreicht vom Hauptbildschirm schnell die jeweiligen Kapitel der Bewerbung und hat die Möglichkeit, sich ein vielseitiges Bild der formalen Qualitäten des Bewerbers zu machen.
Die ‚indirekte Bewerbungsform’ zeichnet sich durch eine konträre Herangehensweise aus. Hier steht zunächst nicht eine Person, bzw. bestimmte Formularitäten im Vordergrund der Webpräsentation, sondern die Vermittlung bestimmter persönlicher Fähigkeiten, welche in ausführlicher Weise als Referenzen dargestellt werden und so etwaige Arbeitgeber überzeugen sollen. Sie ist sinnvoll (oder mittlerweile vielleicht schon als obligatorisch zu erachten) für Fotografen, Mediengestalter o. ä. Aussagekräftige Beispiele sind hier die Homepages:
Die Seite http://www.bewerbungshomepage.de ist im Besitz eines Webdesigner und verfügt über ein höchst ansprechendes Design und eine spannende Benutzeroberfläche. Die Seite selbst ist als eine besonders gelungene Arbeitsreferenz zu sehen. Die Homepage http://www.helzle.com gehört einem Medienkünstler und verfügt über eine übersichtliche Bedienoberfläche, von der alle wichtigen Referenzpunkte seines künstlerischen Schaffens abrufbar sind (Videos, Fotos, Installationen, usw.), und ist in ihrem Design eher schlicht und doch, oder gerade deshalb, sehr gut ist die Arbeit eines Berliner Fotografenkonglomerats. Aufwändige Analogfotografie-Collagen werden zu einer digitalisierten kleinen Bilderwelt zusammengefügt, die der User für sich erkunden kann.
Abschließend ist zu vermerken, dass die Umsetzung aller Bewerbungshomepages hinsichtlich der Qualität stark variieren. Dies ist besonders auffällig, wenn man sich die Bewerbungsseiten einmal unter Berücksichtigung allgemein gehaltener Kriterien genauer anschaut.
1.5 Allgemeine Kriterien für Bewerbungshomepages
"Die möglichst selbsterklärende und einfache Gestaltung der Benutzeroberfläche ist für eine im Virtuellen stattfindende Technologie zentral. Umso mehr gilt das im Internet, das wegen seines großen Spektrums an Möglichkeiten auf den Nutzer schnell erschlagend wirken kann. Nirgends zeigt sich deutlicher als im Netz, dass Design und Usability, also Gestaltung und gute Benutzerführung, zusammengehören." (Friebe/Lobo: Wir nennen es Arbeit, S.177).
Von besonderer Relevanz sind neben einem ausgewogenen Verhältnis von Übersichtlichkeit und Design dann auch noch die Aspekte der Sicherheit, der Darstellung von Referenzen und die detaillierte Angabe des Betätigungsfeldes/ Unternehmens.
1.6 Exemplarische Eindrücke von Bewerbungshomepages
Übersichtlichkeit
Design
Sicherheit
Referenzen
Betätigungsfeld
- http://www.jirka-jansch.com ist Fotograf, sein Arbeitsfeld ist innerhalb der Homepage klar dargestellt.
- http://www.helzle.de, der Medien-Künstler, präsentiert sein Arbeitsfeld ebenfalls äußerst klar.
- http://www.dr-rickert.de bewirbt sich als 'Entwickler SAP R/3- Software mit Internetkomponenten, Diplomchemiker und Fachkraft für Arbeitssicherheit'.
- http://jobsuche.go-wow.de bietet dem Arbeitgeber leider keine spezifizierten Angaben des Seitenautors zu seiner genauen Berufspräferenz.
2.1 Fragebogen
Um in der theoretischen Untersuchung und Auswertung der Homepages auch die Betreiber näher zu untersuchen, hatte sich die Gruppe dazu entschlossen, einen internetbasierten Fragebogen zu entwerfen. Er kann hier als PDF Dokument angesehen werden. Im Folgenden wird der Prozess von der Konzeption bis zur Veröffentlichung kurz dargestellt.
2.1.1 Konzeption
Um möglichst viele Antworten zu erhalten, wurde der Fragebogen kurz und verständlich gehalten. Insgesamt 23 Fragen, davon 5 demographische und 11 ordinalskalierte Fragen (mit Abstufung von 1-7) ermöglichten es, innerhalb weniger Minuten den Fragebogen komplett zu beantworten.
Am Ende des Fragebogens wurde den Probanden die Möglichkeit gelassen, anhand von Freitextfeldern, individuell zu antworten und sich zu Chancen und Risiken bzw. zu positiven und negativen Aspekten von Bewerbungshomepages zu äußern.
2.1.2 Erstellung
Da die Entscheidung zur Erstellung des internetbasierten Fragebogens spontan und nach Anmeldeschluss für die Veröffentlichung via Moodle getroffen wurde, musste der Fragebogen auf einer externen Plattform erstellt werden. Mit http://www.fragebogen-tool.de/ wurde ein kostenloses Portal ausgewählt, das eine komfortable Erstellung als auch eine komfortable Auswertung mit SPSS oder Excel garantierte (hierzu mehr unter 2.2.1). Zusätzlich gab es hier die Möglichkeit, verschiedene Antwortentypen (Freitext, Skala etc.) zu kombinieren.
Die interessierenden Aspekte wurden gesammelt, die inhaltlichen Hypothesen formuliert, anschließend standardisiert und über das Learnweb-Forum, als auch bei einem Treffen, besprochen.
Die Fragebogenerstellung erwies sich als erfreulich einfach und eingängig. An der Optik konnte mit HTML-Tags noch etwas verändert werden, um ein wenigstens grundsätzlich ansprechendes Ergebnis zu erreichen.
2.1.3 Veröffentlichung / Mailing
Nachdem der Fragebogen aus dem Beta-Status in den Online-Alpha-Status gehoben wurde, stellte sich die Frage, wie auf die Umfrage aufmerksam gemacht werden sollte. Die Gruppenmitglieder waren sich schnell einig, dass eine Einladung zur Teilnahme am Fragebogen mit einem personalisierten Anschreiben per E-Mail verschickt werden sollte. Dementsprechend wurden die Kontaktdaten der Homepagebetreiber notiert und in eine Serienbrieftabelle eingefügt. Das Anschreiben kann hier, in anonymisierter Form, eingesehen werden.
2.2 Ergebnisse/Auswertung
Insgesamt 72 personalisierte E-Mails wurden verschickt und 3 Kontaktformulare ausgefüllt. In der Summe sind also 75 Anschreiben verschickt worden. Bis zum „Abgabeschluss“ am 26.06.2007 gingen 27 ausgefüllte Fragebögen von Homepagebetreibern ein, das entspricht einer Leistungsausschöpfung von ca. 33%! 9 Probanden haben zusätzlich die Möglichkeit wahrgenommen, sich über die Ergebnisse informieren zu lassen. Außerdem machten sich einige Probanden die Mühe und gaben per E-Mail Hinweise und Tipps zu Umfragen, dem Design, den Skalenniveaus etc. Der Fragebogen wurde fast ausschließlich positiv aufgenommen, was sich auch durch die hohe Erfolgsausschöpfung belegen lässt.
2.2.1 Probleme der Auswertung
Trotz der in Unterpunkt 2.1.2 versprochenen einfachen Auswertung der Daten mit SPSS oder Excel stellte sich der Datenexport als Katastrophe heraus. Es konnte nur eine Textdatei (*.txt) mit den Variablen und offenen Antworten erstellt werden. Eine Anfrage an den Support von http://www.fragebogen-tool.de/, mit dem Inhalt wie der Export im SPSS (*.sav) oder Excel (*.xls) einzustellen sei, wurde mit der einzeiligen lapidaren Antwort abgetan, dass sich das *.txt doch in alle Programme importieren ließe.
Diese Textdatei war grundsätzlich auf 100 Variablen ausgelegt und ließ sich (trotz der an sich komfortablen Textimportfunktion von SPSS) nicht fehlerfrei in SPSS bzw. in Excel gar nicht importieren. Die Datendarstellung entsprach also in keiner Weise dem, was versprochen worden war.
Nach einer langwierigen, grundlegenden Überarbeitung des Outputs war es dennoch möglich, die Daten mit SPSS auszulesen und deskriptiv zu bearbeiten. Auf die Ergebnisse der Umfrage wird im Folgenden kurz und exemplarisch eingegangen. Die Länge des Fragebogens macht es unmöglich, hier auf jeden Unterpunkt einzugehen. Die vollständigen Auswertungen zu jedem Unterpunkt sind als hochauflösende Powerpoint-Präsentationen in *.zip Archiven angefügt. (Der Umweg über die *.zip Archive ist aufgrund einer Begrenzung des Datenvolumens notwendig)
Demographische Daten
Konzeption
Bewertungen
2.2.2. Demographische Daten
Von den 27 Antworten kamen 24 von männlichen und 3 von weiblichen Teilnehmern. In der folgenden Kreuztabellierung zwischen Alter und Geschlecht lässt sich die Geschlechts- und Altersverteilung gut ablesen.
Äußerst interessant und unerwartet stellte sich das derzeitige Beschäftigungsverhältnis der Befragten dar:
53% der Probanden betreiben eine Bewerbungshomepage, obwohl sie derzeit gar keine neue Stellung suchen, während nur 34% der Probanden sich mit ihrer Homepage direkt für eine Stellung bewerben wollen. Eine so nicht erwartete Verteilung lies sich ebenfalls bei der Frage nach den Aktivitäten im Web 2.0 beobachten. 56% der Befragten sind dort gar nicht tätig, während immerhin 44% sich auch abseits ihrer Bewerbungshomepage im Internet präsentieren.
2.2.3. Fragen zur Konzeption der Bewerbungshomepage
Entgegen der Vermutung, dass Bewerbungshomepages eine Erscheinung neuerer Zeit seien, gaben 62% der Probanden an, sich schon über 2 Jahre im Internet zu präsentieren.
Vorbildliche 85% der Befragten gaben an, schon mal Änderungen an Ihrer Homepage durchgeführt zu haben. Wie in Teil 1 beschrieben, ist es für eine Bewerbungshomepage eminent wichtig, aktuell zu sein. Die Häufigkeit der Änderungen lässt sich aus folgender Grafik ablesen:
Im Durchschnitt wurden also 3 Änderungen an der Homepage durchgeführt. Die Gründe für diese Änderung konzentrierten sich vornehmlich auf Weiter- bzw. Fortbildungen und auf Änderungen des persönlichen oder beruflichen Status.
Auf die Frage, ob die Homepage als eigenständige Bewerbung oder nur als Ergänzung zu der schriftlichen Bewerbung zu sehen sei, ergab sich ein äußerst uneinheitliches Bild.
50% sehen ihre Homepage als eigenständige Lösung an, dennoch betrachtet ein Viertel die Bewerbungsseite immer noch als Ergänzung zur schriftlichen Bewerbung. Der Rest der Befragten scheint sich noch nicht darüber im Klaren zu sein, zu welcher der Lösungen ihre Seite tendiert.
2.2.4 Fragen zur Einstellung zu der eigenen Bewerbungshomepage / Erfolgsbewertung
Als ebenso unterschiedlich wie die Frage nach der Eigenständigkeit der Internetpräsenz, erwiesen sich die Einschätzungen des Erfolgs der eigenen Homepage. Die Konzentration der Antworten liegt hier auf dem ersten Drittel der Skala. Die Probanden scheinen also durchaus zufrieden mit ihren Homepages zu sein.
Bestätigt wird dieser Eindruck, durch die Bewertung der Anzahl der Jobangebote über die Homepage, denn 76% der Befragten waren mit der Anzahl der Jobangebote mindestens zufrieden.
Umso überraschender erscheint daher die Antwort auf die Frage nach der Gesamtzufriedenheit. 51% der Befragten sind nicht mit ihrer Bewerbungshomepage zufrieden und nur 30% können als zufrieden mit ihrer Homepage angesehen werden.
Ebenso klar spiegeln die Antworten zu den abschließenden Fragen die Meinung der Benutzer wider. Danach gefragt, ob sie sich wieder für eine Bewerbungshomepage entscheiden würden, antworteten 85%, sie würden sich nicht wieder für dieses Medium entscheiden.
Ähnlich verhält es sich mit der Beurteilung der Sinnhaftigkeit von Bewerbungshomepages. 74% beurteilen die Präsenzen als nicht sinnvoll, nur ein einziger Proband empfand die Erstellung seiner Homepage als sinnvoll.
2.2.5. Freie Antworten
Die in Punkt 2.2.1 angesprochenen Probleme mit dem Output machten eine Auswertung der Freitextantworten unmöglich. Diese ließen sich leider nicht den Probanden zuordnen und nur als Fragmente exportieren, was sie letztlich leider wertlos machte.
Es sei angemerkt, dass sich einige Probanden bei diesen Antworten außerordentliche Mühe gemacht haben, was es umso bedauernswerter macht, die Ergebnisse nicht präsentieren zu können. Mittlerweile wird auf der Startseite von http://www.fragebogen-tool.de/ nur noch davon gesprochen, dass sich die Daten in SPSS und Excel exportieren lassen. Deswegen wird hier mit der abschließenden Zusammenfassung fortgefahren.
2.3 Zusammenfassung
Wie die exemplarisch dargestellten Ergebnisse zeigen, sind die meisten Benutzer nicht mit ihrer Bewerbungshomepage zufrieden. An den Erfolgen scheint das nicht zu liegen, denn immerhin 76% der Befragten waren mit der Anzahl der Jobangebote mindestens zufrieden. Es scheinen hier also andere Faktoren die Meinung der Probanden zu beeinflussen. Ob die Unzufriedenheit aus einem erhöhten Spamaufkommen (75% der Benutzer gaben an, mehr Spam zu erhalten) oder aus unseriösen Angeboten (85% gaben an, unseriöse Angebote erhalten zu haben) resultiert, kann an dieser Stelle nicht geklärt werden und war auch nicht Gegenstand der Umfrage. Hier wird weitere Forschung benötigt, um die genauen Gründe der Unzufriedenheit herauszufinden.
Es lässt sich dennoch festhalten, dass Bewerbungshomepages nicht erst seit kurzem im Internet zu finden sind, sondern schon seit längerem die Personaler auf sich aufmerksam zu machen versuchen. Dieses geschieht, allerdings nur mit mittelmäßigem Erfolg. Abgesehen von der Anzahl der Jobangebote, zeigte sich eine starke Heterogenität in der Beurteilung von Besucherzahl und Resonanz auf der Homepage. Ob hier die Zukunft der Bewerbung liegt, muss also stark bezweifelt werden.
3. Wandel durch Vernetzung: Die Internetplattformen und der Arbeitsmarkt.
Von Billie Laura Finkel
"Das Web hat meine Arbeit nicht verändert, sondern sie überhaupt erst möglich gemacht", sagte Hobbyschneiderin Kathrin Pöhlmann in einem Interview mit SpiegelOnline.
3.1 Vorbemerkung
Die im Folgenden aufgeführten Links stellen keine besondere Empfehlung dar, sondern dienen als mögliche Beispiele unter unzähligen anderen, die ebenso gut hätten ausgewählt werden können. Das Internet zeichnet sich durch eine besondere Schnelllebigkeit aus: Um gegen ein Veralten der Daten zu wirken, habe ich PDF-Drucke der durch Hyperlinks hervorgehobenen Seiten erstellt, die auf Anfrage bei mir eingesehen werden können. Seiten mit von Plattformbetreibern unerwünschten oder untersagten Verkaufsaktivitäten verlinke ich hier nach Möglichkeit nicht. Sie lassen sich leicht selbst im Netz finden.
3.2 Von der Homepage zur Plattform
Auf den Bewerbungshomepages ist das Anbieten der menschlichen Arbeitskraft mit der Präsentierung der Persönlichkeit verbunden. Wird auf der direkten Bewerbungshomepage gezielt eine Festanstellung in einem bestimmten, erlernten Beruf gesucht, wird auf der indirekten Bewerbungshomepage eher die Dienstleistung angeboten oder ein singulärer Auftrag gesucht, flankiert von Arbeitsproben - ideal für Freelancer aller Art. Um die ausgesprochen komplexen durch das Internet hervorgerufenen Veränderungen angemessen beurteilen zu können, schlage ich vor, einen erweiterten Arbeitsbegriff zu Grunde zu legen. Auf den kleinsten gemeinsamen Nenner heruntergebrochen, ergibt sich die Verknüpfung der Aussagen
hier bin ich
das kann ich
mit der Frage
wer zahlt?
Darunter ist die Geld- oder Warenertrag erzeugende Beziehung zwischen Menschen und ihrer Arbeitskraft/Kreativität/Leistung jeder Art zu verstehen, meist ebenfalls verbunden mit der Zur-Schau-Stellung einer als erfolgsfördernd angesehenen Persönlichkeit. Oft wird das Geschäft, die Dienstleistung im Nebenerwerb ausgeübt und soll nur ein zusätzliches Taschengeld erbringen. Mitunter zeigt sich auch eine große Flexibilität der Anbieter, die ihr Angebot wenig spezifizieren oder zu unterschiedlichen Dienstleistungen bereit sind. Von den indirekten Bewerbungshomepages, in denen Fertigkeiten und Fähigkeiten der Anbieter individuell präsentiert werden, um zu einer vorübergehenden oder zeitlich begrenzten Zusammenarbeit zu finden, ist es zu den Verkaufsplattformen der großen Anbieter nur ein kleiner Schritt. Es handelt sich hierbei um ein Dienstleistungsangebot der Foren, deren Webspace Menschen nutzen, um einen Shop betreiben oder ihre Waren präsentieren zu können. Um Werbung und Programmierung kümmern sich Fachleute, vorhandene Strukturen können einfach und ohne besondere Vorkenntnisse genutzt werden. Die Unterscheidung zwischen Privatperson und Kleinunternehmen auf Anbieterplattformen ist allerdings schwierig, für meine Fragestellung jedoch nicht relevant. Den Kleinunternehmen liegen strenge rechtliche Regelungen zu Grunde, die für Privatpersonen keine Gültigkeit haben. Das betrifft alle Plattformen, bei Ebay kommt es aber in den Foren (Nebenverdienst, Privatanbieter, Hobby und Existenzgründung) ausdrücklich zur Sprache. Welche Rolle spielt das Internet dabei?
3.3 Vernetzung: Blogs und Online-Communities im Web
Private Weblogs haben als kontinuierlich fortgeführte ‚öffentliche Tagebücher’ im Internet eine besondere Stellung. Stehen sie einerseits für die private Einbindung der Menschen ins Internet, ergibt sich im selben Maße daraus die Einbindung des Internet in das Privatleben der Menschen. Steht das Internet im Ruf, durch Anonymität persönliche Entfremdung zu erzeugen, zeigt sich an Hand der Weblogs auch die offensichtliche Bereitschaft der Menschen, virtuelle Kontakte als Teil des eigenen Lebens zu akzeptieren. Durch Blogging („als Medium betrachtet etwas völlig Neues“1 begeistert sich der Wissenschaftsjournalist Eigner) wird Internet tatsächlich „vernetzend“ genutzt, entsteht echte Hypertextualität. Die Einträge beziehen sich (meist) auf (verlinkte)Vorgänger, werden wieder und wieder aufgegriffen, verlinkt und kommentiert. Diese Hypertextualität ist durch das Medium bestimmt. In den Blogs „wird der Link zu einem integralen Bestandteil des Textes“ 2, wird „medienproduzierende Kraft“ 3. Ist nun endlich das ‚Netz’ selbsterzeugend zu einem tatsächlichen Netz der Verknüpfung geworden, erklärt sich die ungeheuere Bedeutung der Präsenz darin für die Einzelnen. Der Aufruf, das Angebot, das ein User eingibt, erreicht um so mehr Adressaten desto mehr er oder sie im Netz repräsentiert ist: Nicht nur auf bewerbungsspezifischen Plattformen oder privaten Homepages, sondern zugleich in Blogs, Online Communities, Mailinglists, Fachforen und unspezifischen Plattformen. Medienkompetenz steigert den Erfolg der Bemühungen. Ursula Schneider, Professorin in Graz, sieht persönliche Kontinuität einer Kerngruppe in Online-Communities als Vorbedingung für Face-to-face-Interaktion. 4 Sobald diese gegeben ist, ev. durch Institutionen (z.B. Webmaster, Plattform) unterstützt, kann eine erfolgreiche Einbindung entstehen. Erfolg im E-Commerce hängt zum Teil von der Darstellung einer „Firmen-Personality“ ab, die das nur virtuelle Vorhandensein einer Beziehung stützen kann. Die Bedeutung der Vernetzung ist hoch. „Kunden, die aufgrund einer Empfehlung zum Kunden geworden sind, stellen das Produkt einer erfolgreichen Beziehung dar.“ 5 Wie im Folgenden zu sehen, sind diese Bedingungen für die meisten Objekte der Untersuchung erfüllt. Kommerzielle Verkaufsplattformen wie Ebay untersagen das Setzen von Links auf eigene oder andere Seiten, um keine Verkaufsgebühren zu verlieren. Die Bindung soll an das Auktionshaus, nicht nur an den individuellen Anbieter erfolgen. Darüber hinaus ist die Marketingwirkung der Blogs enorm, über die Hälfte der Leser/Innen lässt sich in Kaufentscheidungen von Informationen in Blogs beeinflussen, ergibt eine Studie mit 2200 Internetnutzern im Auftrag der PR-Agentur Hotwire. Die Nutzerkommentare spielen dabei eine besondere Rolle, durch ihre Vernetzung sind sie schneller als vergleichbare Medien.
3.4 Die Internetplattformen
Eine Vielzahl von Internetplattformen bietet die Möglichkeit, Dienstleistungsangebote oder die Produkte der Arbeitskraft oder Kreativität anzubieten. Besonderheiten der Plattformen stelle ich mit einigen Beispielen vor.
3.4.1 Interlance
Der Interlance-Marktplatz sieht sich als Dienstleister zur Steigerung der Marktpräsenz: „Die Plattform für Subunternehmer, Freiberufler, Gewerbetreibende und Unternehmen aller Branchen von A-Z. Hier kann man qualifizierte, engagierte Fachkräfte finden, online kennen lernen, Aufträge vergeben und direkt Kontakte oder Geschäftsbeziehungen anbahnen.“ Die Zielgruppe bleibt im Vergleich zur individuellen indirekten Homepage gleich, Zweck ist ein Vertragsabschluss oder auch die Erhöhung des Bekanntheitsgrades. Hier bieten hauptsächlich Firmen und Freiberufler ihre Dienste an, wie z.B. für Ghostwriting und Bauleitung, aber auch Hausmeister und Altenpflegerin.
3.4.2 Erento
Hier können Geräte und Dienstleistungen gemietet werden. Dabei stehen private und professionelle Dienstleister in Konkurrenz. Als Beispiel soll das Angebot eines Alleinunterhalters dienen. Die Plattform bietet kaum mehr Platz als zur Auflistung von Musikrichtung und Auftrittspreisen nötig ist, daneben zwei Fotos.
3.4.3 My-hammer
Bei diesem Internet-Auktionshaus können Privatpersonen Aufträge, die sie vergeben möchten, einem größeren Kreis bekannt machen. Der Auftraggeber beschreibt den Auftrag und gibt einen Preis vor, den die möglichen Auftragnehmer mit einem Angebot unterbieten können. Der Auftraggeber kann sich nach Auktionsende unter den Auftragsannahmegeboten für einen beliebigen Auftragnehmer entscheiden. Auftragnehmer können sich mit Referenzen qualifizieren oder Links auf Flyer oder ihre Homepage setzen, um sich günstig darzustellen. Welche Tätigkeiten sie sich zutrauen, entscheiden sie selbst. Sucht ein Auftraggeber jemanden, der der Familie die Haare schneidet, so kann sich durchaus jemand anbieten, deren Profilseite sie als Reinigungskraft kennzeichnet. Dort findet sich auch die Referenz für den zuvor erfolgreich übernommenen Auftrag einer Praxisreinigung. An diesem Beispiel wird deutlich, dass sich hier zuerst der „Arbeitgeber“ dem „Arbeitnehmer“, nämlich bereits vor der Auftragserteilung, präsentiert. Die „Arbeitnehmer“ können entscheiden, ob sie mit dem Anbieter in Kontakt treten und ein Angebot abgeben wollen. Sie haben anders als bei konventionellen Angeboten durch die teils ausführliche Arbeitsplatzbeschreibung mehr Einblick in die Tätigkeit. Auftragnehmer können gleichzeitig Auftraggeber sein.
3.4.4 Flickr
Diese Plattform fungiert als Host-Provider. Flickr bietet Webspace, um Fotografien in verschiedenen Abstufungen der Öffentlichkeit/Privatheit zu veröffentlichen. Hier steht die Möglichkeit der Vernetzung von Usern im Vordergrund der Plattformbetreiber. Die Gründung von Interessengruppen wird unterstützt, es gibt verschiedene Level der Intimität durch Einschränkung des Zugangs zu den eingestellten Gruppen: „Groups can either be public, public (invite only), or completely private. Every group has a pool for sharing photos and a discussion board for talking.“ Darüber hinaus ermuntern die Betreiber die Usergemeinde dazu, Freundschaften über die gemeinsame Plattform zu schließen: „Building relationships on Flickr is easy. When you add someone as a contact you can also choose to add them as your Friend or Family (or both).“ Darüber hinaus können sich User im Profil sehr persönlich darstellen. Obzwar jegliche Verkaufsaktivitäten durch Flickr untersagt sind6, finden sich über 70 mögliche Tags mit den Titeln oder Themen: sale, sell, sells, buy, shop, shopping, Verkauf, À vendre etc. Die Fotos sind mitunter in eindeutiger Verkaufsabsicht eingestellt, z.B. Möbelstücke in drei Ansichten mit gleichzeitiger Abbildung eines Zollstockes. Selbstgenähte Applikationen werden mit Hinweis zum eigenen etsy shop präsentiert: „available in my etsy shop“. Mitunter kann über die Verfolgung vom Foto zum Profil der User auch der Hinweis auf Handelsaktivitäten bei flickr gefunden werden. Über den Hinweis auf die private Webseite einer Userin findet sich auch ein Link zu ihrem Blog, in dem sie ihre Verkäufe via flickr.com explizit erwähnt: „Those atc's have I made a few weeks ago. They all found a new home very quick ! The day I published them on the Flickr. page they were gone for trade.“ Und wenig später: „Today I made this 3 atc cards. They are for trading in 2 Flickr groups. The green/purple one is already spoken for. When I sent them to Flickr. they go away very quick“ (atc = artist trading cards).
3.4.5 Etsy
Etsy ist ein Portal zur Warenpräsentation im Privatbereich7, ein Onlineshop-Marktplatz für alle, die Handgemachtes verkaufen bzw. kaufen wollen. Hier können vor allem Künstler, Kunsthandwerker und Privatanbieter ihre handgefertigten Waren präsentieren. Industriell gefertigte Massenware und Wiederverkäufer sind ausgeschlossen. Der Kontakt der User untereinander (Community genannt) wird strikt geregelt, der Umgangston unterliegt der Beobachtung durch die Anbieter. Auch bei Etsy wird besonderer Wert auf die Möglichkeit der individuellen Darstellung des Userprofils gelegt. Ein Blog des Unternehmens sorgt für eine Distanzverringerung zu den Usern. Mit dem Geolocator lassen sich nicht nur Versandkosten abschätzen, sondern auch die Chancen einer Kontaktaufnahme im realen Leben. Mit der Recherche der Etsy-Aktivitäten einer Person lassen sich leicht Hinweise auf Genre überschreitende Präsentation ihrer Webpräsenz finden. Jedes Genre wird gezielt eingesetzt. Die Userin mit dem Nick „knittydirtygirl“ stellt sich mit ihrem Profil bei Etsy vor und verkauft dort in ihrem Shop Waren. Auf ihrer Shopseite finden sich auch Links zu virtuellen Freunden, die ebenfalls bei Etsy registriert sind. Der Shop ist in verschiedene Kategorien untergliedert. Eine Verlinkung besteht auch zu ihrer Feedbackseite, auf der Kunden Waren und Abwicklung beurteilen können. Auf der Profilseite findet sich auch ein Link zu Knittydirtygirls Homepage. Von dort verlinkt sie auf ihren Blog. Einen Fotostream stellt sie der Öffentlichkeit auch über Flickr vor. Auch bei Ebay nutzt sie einen Account. Die Verknüpfung ihrer Internetaktivitäten nutzt sie gezielt zum Handel: „This is one of my eBay rag doll kits, I also make them for Etsy and Dawanda... They prove quite popular.“ Sie ist in einem amerikanischen Handarbeitsforum aktiv und kündigt dort die Überarbeitung ihrer Domain an.
3.4.6 DaWanda
Der virtuelle Marktplatz DaWanda funktioniert ähnlich wie etsy.com im amerikanischen Markt, bedient jedoch Europa. Schwachstellen und negative Erfahrungen des Vorläufers wurden bei der Optimierung berücksichtigt. Zielgruppe sind alle, die Produkte in Handarbeit herstellen, oder individualisierte oder maßgeschneiderte Produkte anbieten oder erwerben möchten. Die Kommunikation zwischen den Mitgliedern spielt eine bedeutende Rolle, auf den Angebotsseiten können andere Mitglieder Kommentare zu den vorgestellten Artikeln abgeben oder mit den Anbietern Kontakt aufnehmen und eine persönliche Beziehung beginnen. Vergleichbar mehr Mitglieder als bei anderen Foren präsentieren sich offen mit einem Foto auf der Vorstellungsseite für neue Mitglieder. Der Anteil der Teilnehmenden, die über Hinweise von Anderen zu DaWanda fanden, scheint nach ihren Aussagen hoch zu sein. Ob die private Vernetzung dabei eine größere Rolle spielt als die Berichterstattung in den konventionellen Medien, lässt sich so nicht eruieren. User, die eine Website oder einen Blog haben, können Inhalte daraus zu DaWanda hochladen und umgekehrt. Mitunter erkundigen sich Kunden nach den Bedingungen für eine Sonderanfertigung nach ihren Vorstellungen. Die Unterscheidung zwischen Arbeitsstelle im Angestelltenverhältnis und privatem „Gelegenheitsverkauf“ ihrer Arbeitskraft wird deutlich, wenn wie hier, eine Userin über das öffentliche Forum nach der Vermittlung einer Arbeitsstelle fragt. Sie agiert dabei wie in einem privaten Freundeskreis, die Plattform wird zum „Stammtisch“.
3.4.7 Ebay
Die Differenz zwischen klassischem Dienstleistungsangebot und dem Verkauf von selbstangefertigten Waren ist, so wird gerade bei Ebay deutlich, nur graduell. Wird ein Koch beauftragt, in der Küche des Kunden eine Linzertorte zu backen und die Zutaten dafür einzukaufen, kann der Kunde ebenso eine Linzertorte erhalten wie mit der Auftragserteilung an “Oma Ruthmann “, die sie in ihrer Küche backt. Die Bandbreite reicht bei Ebay von der klassischen Arbeitsplatzsuche 1), 2), 3), 4) über Entrümpelungs- und Begleitservice a) und b) hin zu üblichen Dienstleistungsangeboten wie bügeln oder Büroarbeit?. Das bunte Angebot an skurrilen Dienstleistungen kennzeichnet die Agilität des Marktes. Alles ist denkbar, vom unbekleidet putzenden Ehemann über die Durchführung eines magischen Ritual mit 12 Vodoopriestern in Brasilien bis zur Übernahme des schwierigen Auftrags, eine Beziehung zu beenden. Die Referenz, als Callgirl gearbeitet zu haben, befähigt eine Lebens- und Sexualberaterin zu einfühlsamen Gesprächen. Nur seriöse Angebote nimmt der Halbbekleidete vor der Toilette an, einen Freund und Manager gewinnt man für 1.000.000,00 Euro.
Im Bereich Dienstleistungen existiert eine Unterkategorie „Altenbetreuung “. Ein hier annoncierender Anbieter tut der sensiblen Sphäre halber gut daran, sich persönlich vorzustellen. In Bereichen wie „Magie und Hexerei“ ist es möglicherweise günstig, die Kunden vor zu großer Öffentlichkeit zu bewahren, hier bieten Käufer ein Angebot mit nicht öffentlicher Bieter-/Käuferliste, ihre Identität ist geschützt.
3.5 Cybersex
Durch das Internet sind auch neue Dienstleistungsberufe entstanden, z.B. Cybersexanbieter. Diese Dienstleistung ist ohne Internet nicht möglich und basiert auf den besonderen Bedingungen der E-Vernetzung: Anonymität und Raumüberwindung. In der Regel wird die finanzielle Seite über die Plattformanbieter geregelt (Mitgliedschaft). Hier können Auftraggeber allerdings kaum prüfen, inwieweit hinter einem Angebot Privatpersonen stehen, so dass Anbieter eventuell nur im Einzelfall unter die Kriterien dieser Untersuchung fallen. Die Präsentation der Personen ist in der Regel privat/persönlich aufgemacht, der Warencharakter des Angebots steht im Hintergrund.
3.6 Cyberbetteln
Ein Phänomen breitet sich momentan im Internet aus, das Cyberbetteln. Als Erste hat Karyn Bosnak einen Schuldenberg von 20000 $ auf die Besucher ihrer Website umgeschichtet. Freiwillig haben ihre virtuellen Bekannten (sie nennt sie „generous individuals“) mit geringen Beträgen dazu beigetragen, sie schuldenfrei zu machen. Trotz der Anonymität gelingt es Bosnak, durch Blog und die Darstellung ihrer Mailkontakte eine gewisse persönliche Privatheit abzubilden. Möglicherweise ist es gerade die Mischung aus persönlicher Distanz und Öffentlichkeit mit der intimen Offenlegung der persönlichen Situation, die hier Erfolg versprach. Diese Form des Gelderwerbs ist ebenfalls erst durch das Internet entstanden. In den auch zuvor schon per Post versendeten Bettelbriefen stehen Kosten, Aufwand und Erfolg nicht in vergleichbar günstigem Verhältnis zu einander.
3.7 Neue „Berufe“
Durch neue Markt- und Vertriebswege eröffnen sich auch neue Berufs-Chancen, z.B. in der Veredelung von Halbfertigware. Diese Ebayanbieterin wickelt z.B. mehrere dünne Wollfäden auf eine Spule, die dann gemeinsam verstricken werden können. Strickgarn wird also nicht in einer großen Spinnerei produziert und im Geschäft gekauft, sondern durch eine einzelne Person in kleinen Mengen aus z.B. Fabrikverkäufen neu zusammengestellt. In der Regel handelt es sich bei Angeboten dieser Art nicht um Arbeit im Auftrag einer Firma im Sinne der Heimarbeit, sondern um eine eigenverantwortliche Tätigkeit. Auch die Verkaufsagenten bei Ebay arbeiten eigenverantwortlich, indem sie für Dritte Waren bei Ebay einstellen. Sie tragen das volle Risiko der Transaktion.
3.8 Wandel
Holm und Friebe erfinden die Bezeichnung „digitale Boheme“ für Menschen mit einem neuen Arbeitsstil. „Ihr Hauptziel ist nicht das Geldverdienen, sondern ein selbstbestimmter Arbeitsstil, der den eigenen Motiven folgt – in unsicheren Zeiten vielleicht die überlegene Strategie.“ Dabei sei vor allem die Einbindung in soziale, künstlerische und digitale Netzwerke entscheidend und bringe mitunter überraschende Erwerbsmöglichkeiten mit sich. Das bestätigen meine Recherchen im Internet. Allerdings ist nicht immer der selbstbestimmte Arbeitsstil Ziel, sondern teilweise Grundlage, teilweise Bedingung für den Profit. Ob der Verzicht auf Sicherheit in der Festanstellung immer freiwillig ist, lässt sich so nicht beurteilen. Die neue Freiheit wird allerdings auch teuer bezahlt. Zwischenhandel entfällt. Arbeitgeber nicht vorhanden. Keine Dienstplanbindung. Preisbindung entfällt. So weit - so gut. Aber auch der Arbeitnehmerschutz entfällt. Besonders gravierend ist, wenn Arbeitnehmer ihre Sicherheit und Rechte freiwillig einschränken, um überhaupt in Arbeitsverhältnisse eingebunden zu sein wie dieser Arbeitssuchende, der anbietet, sämtliche Sozialabgaben selbst zu tragen. Arbeit kann in Lohnarbeit und Nichtlohnarbeit aufgeteilt werden. Die Trennung dieser Sphären gilt nach Max Weber als Kennzeichen und darüber hinaus auch als Garant moderner Gesellschaften: „Weltweit ist diese Nichtlohnarbeit oder hausfrauenähnliche Arbeit die allgemeinste Basis der Kapitalakkumulation“ 8. Geht ein Partner in familienähnlichen Strukturen auswärts einer bezahlten Tätigkeit nach, so wird dies unter anderem auch dadurch ermöglicht, dass der andere Partner (traditionell die Frau) für Haushaltsorganisation und/ oder Kinderbetreuung sorgt. Dabei werden von dieser Person auch Dinge für alle Familienmitglieder produziert, die dann nicht von außen zugekauft werden müssen. Jenna Voss zeigt, dass die Relevanz lebensweltlich generierter, familialer, sozialer oder ökologisch motivierter Ansprüche an Erwerbsarbeit als Folge sozialen Wandels zunimmt. Heidi Gottfried sieht als weitere Folge die Auflösung der „stabile[n] Beziehung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer“ 9. Laut einer Studie der Senatsverwaltung Berlin sind Teilzeitmodelle der Erwerbstätigkeit gerade für Frauen wichtig, Gründe liegen mit über 50% in der Einbindung in familiäre Verpflichtungen. Wenn in Familien die Nicht-Erwerbstätigkeit einer Person, gleich welchen Geschlechts, wichtig ist, können Zuverdienstmöglichkeiten über das Internet dazu beitragen, die Trennung von Berufs- und Familienwelt zu vermindern. Nehmen wir als Beispiel eine ehemals10 hausfrauentypische Tätigkeit, beispielsweise Strümpfe stricken. Mangelnde oder nicht vorhandene Ausbildung im Anfertigen von Handarbeiten, Aufbrechen der traditionellen Familienstrukturen (Ehe und Großfamilie sichern generationenübergreifenden Bestand) und ebenso die Alltagsorganisation in unserer Gesellschaft (Berufstätigkeit etc.) lassen eine Eigenanfertigung von Strümpfen in den meisten Fällen nicht zu. Industriell gefertigte Ware ist kostengünstiger. Dennoch werden Strümpfe mitunter von Hand gestrickt. Gleichzeitig ist ein Markt dafür vorhanden. Strickaufträge werden oft via Internet angeboten und sind nicht selten. Hier besteht die Möglichkeit, ohne Festanstellung eine entlohnte Tätigkeit auszuüben, die in individuelle Lebenswirklichkeiten integrierbar ist: Stricken kann man auch auf dem Spielplatz während der Kinderbetreuung oder bei „Arbeitslosigkeit“, also Nichteinbindung in entlohnte Beschäftigungsverhältnisse. Die Vermarktung ist über das Internet, speziell mit der Nutzung der Verkaufsplattformen, risikoarm. Informelle Ökonomie spielt eine bedeutende Rolle, sobald gesellschaftliche oder arbeitsmarktpolitsche Gründe die Ressourcen der privaten Haushalte einschränken. Zugleich machen ausreichende finanzielle Ressourcen der Haushalte eine Tätigkeit über die Notwendigkeit hinaus erst möglich: Hier wird Stricken etc. als Hobby schick : „Nicht zuletzt durch solche P2P-Konzepte und die zahlreichen Weblogs boomt die neue Liebe zur Handarbeit.“
3.9 Fazit
Das Internet stellt eine wichtige Ressorce für die Vermittlung von Dienstleistungen, kreativen Produkten, Arbeitszeit- und Kraft im weitesten Sinne dar. Nicht immer ist die Einbindung in traditionelle (Voll-) Beschäftigungsverhältnisse intendiert. Weder muss das Arbeitsverhältnis von Dauer, noch abhängig sein. Auch eine Selbstständigkeit im rechtlichen Sinne liegt nicht immer vor. Es ergeben sich neue Modelle des Erwerbs in mitunter geringsten Ausmaßen. Wir können auch Klein(st)unternehmer und Privatpersonen mit Gelegenheitsverdienst einbeziehen, deren Arbeit, Verkauf oder Dienstleistung ohne Internet nicht zu gewährleisten wäre. Hier entsteht gerade eine ganz neue Form der Vermarktung der eigenen Person, selbstständig und autark ohne Einordnung in traditionell geregelte Arbeitsverhältnisse. Nicht nur die selbst gefertigten Produkte, sondern eben auch die Darstellung der Person (die keine virtuelle Corporate Identity hat, sondern eine Identität als Einzelwesen ist) stehen im Fokus! Zugleich entsteht mit der Darstellung im Internet auch eine Rückwirkung auf die Person, die sich über ihren Shop etc. auch konstituiert, zumindest aber überlebensfähig macht. Das geht über die pure Jobsuche hinaus und ist ohne hohe Medienkompetenz nicht denkbar.
3.10 Literatur
- Christian Eigner:“Wenn Medien zu oszillieren beginnen: (Dann macht es) BLOG!“ In: Eigner, Leitner, Nausner, Schneider: „Online communities, Weblogs und die soziale Rückeroberung des Netzes“, Graz (Nausner und Nausner) 2003; S.115 bis 125.
- Fernges, Daniel: „Der Einsatz des Online-Marketings. Optimierungspotentiale im Vertrieb“, Saarbrücken (VDM Verlag Dr. Müller) 2007.
- Friebe, Holm und Sascha Lobo: "Wir nennen es Arbeit – die digitale Bohème oder intelligentes Leben jenseits der Festanstellung", München (Heyne) 2006.
- Gottfried, Heidi: „Gender Equity und die Regulierung von Arbeit“ In: Kurz-Scherf, Corell, Janczyk: „In Arbeit: Zukunft. Die Zukunft der Arbeit und der Arbeitsforschung liegt in ihrem Wandel“, Münster (Westfälisches Dampfboot) 2005, S. 38 bis 53.
- Schneider, Ursula: „Online-Community - neues Medium und/oder neue Sozialform?“ In: Eigner, Leitner, Nausner, Schneider: „Online communities, Weblogs und die soziale Rückeroberung des Netzes“, Graz (Nausner und Nausner) 2003; S. 95 bis 114.
- Von Werlhof, Mies, Bennholdt-Thomsen: „Frauen, die letzte Kolonie. Zur Hausfrauisierung der Arbeit“, Reinbek bei Hamburg (Rowohlt) 1988, 2. Auflage.
3.11 Anmerkungen
1 Eigner 2003: 121
2 Eigner 2003: 121
3 Eigner 2003: 122
4 Schneider 2003: 108
5 Fernges 2007: 57
6 „Wenn wir feststellen, dass Sie Produkte, Dienstleistungen oder sich selbst durch Ihren Fotostream vermarkten, legen wir Ihren Account still.“
7 Etsy provides a marketplace for crafters, artists and artisans to sell their handmade creations
8 Von Werlhof u.a. , 1988: X
9 Gottfried 2005: 45
10 Cave: Stricken ist in einigen Regionen Männerarbeit gewesen und zu einigen Zeiten nicht für alle Menschen finanziell sinnvoll: Die Möglichkeit zur Anfertigung von Handarbeiten für den Eigenbedarf benötigt auch historisch gesehen eine gewissse ökonomische Freiheit (Parallelitätsthese).
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